Beruf oder Berufung?

Eine „fragwürdige“ Beziehung

Viele Experten fühlen sich „berufen“, Ratschläge zu erteilen, wie Sie die eigene Berufung finden. Dabei entsteht der Eindruck, Ihre berufliche Zufriedenheit hänge davon ab, dass Sie Ihre Berufung gefunden haben. Zugleich wenden sich viele Menschen, die im Beruf unzufrieden sind, an Berater und Coaches in der Hoffnung, die eigene Berufung lasse sich in zwei, drei Beratungsstunden finden und damit sei das Problem gelöst.

Nichts leichter als das – oder?

 

 

Warum eigentlich?

Warum gehört es heute fast zum guten Ton, von sich sagen zu können: „Ich habe meine Berufung gefunden“ oder genauer „Ich fühle mich berufen zu …“?

Gilt der Einzelne in unserer westlichen Welt nichts mehr, wenn er seine Berufung nicht benennen kann?

Muss sich jeder zum Experten berufen fühlen, dies oder jenes zu sagen, zu tun oder zu lassen?

Ist es erstrebenswert, dass sich jeder zu etwas Besserem, Bedeutsamem, Herausragendem oder was auch sonst noch immer berufen fühlt, damit sein Beitrag in der Gesellschaft anerkannt wird?

Oder ist es das Streben nach Wertigkeit und Sinn, für die die Suche nach der Berufung stellvertretend steht?

Welches Bedürfnis verbirgt sich hinter jeder einzelnen dieser Strebungen? Das wird für jeden Menschen anders sein.

Oder gehört die Sehnsucht nach der Berufung dem derzeitigen kollektiven Wahn nach immer mehr, besser, größer, schneller, dicker, dünner, höher, weiter …an?

Puuh, letzteres klingt dann aber wirklich nach Anstrengung!

Sind wir auch bereit, den Preis für diesen Wahn zu entrichten?

Gezahlt wird in

  • mehr Leistung erbringen,
  • höhere Komplexität bewältigen
  • mit großem Entscheidungsdruck umgehen

sowie in

  • Erschöpfung
  • ausgelaugt sein
  • Phantasielosigkeit
  • Zeitdruck.

Könnte es sein, dass die Suche nach der Berufung vor allem einer Berufsgruppe hilft, die eigene Berufung zu leben?

Oh je, das klingt nach Nestbeschmutzung oder Selbstzweifel meinerseits und dafür erhalte ich mit Sicherheit eine ordentliche Strafe!

Dennoch möchte ich die Frage (noch einmal) so pointiert formulieren:

Braucht jeder eine Berufung, um ein gelingendes Leben zu führen? Genügt es nicht mehr, im Beruf zufrieden zu sein?

Oder gibt es Zufriedenheit in einem einmal gewählten Beruf heute gar nicht mehr?

Ich sage ja nicht: Hören Sie auf, nach Ihrer Berufung zu suchen.

Sondern: Suchen Sie, fahnden Sie, spüren Sie mit der Nase, mit allen Sinnen hin, wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Aufgabe, den Kern Ihres Hierseins, noch nicht gefunden zu haben. Aber tun Sie es mit Beharrlichkeit und Hingabe denn es kann Ihr ganzes Leben hindurch andauern.

Das Ergebnis Ihrer Selbstbefragung spricht häufig nicht in offener Sprache zu Ihnen oder Sie wollen die Antwort vielleicht nicht hören, weil sie Ihnen nicht gefällt. Kein Coach oder Berater kann Ihnen die Suche nach Ihrem Wesenskern oder Ihrer Lebensaufgabe abnehmen.

Er kann Sie aber begleiten und helfen herauszufinden, wo der Schuh drückt und was Sie verändern müssen, um in den eigenen Schuhen bequem zu gehen.

Auf den Unterschied bzw. den Zusammenhang zwischen Beruf und Berufung will ich im nächsten Artikel noch etwas eingehen.

Jetzt sind erst einmal Sie dran!

Geigen Sie mir die Meinung! Am besten im Kommentar.

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